Schützenscheiben im Exil

Projekt von Nadja El-Hagge


Meine künstlerische Arbeit besteht aus einzelnen, so wie aus zusammengenähten Schützenscheiben. Sie entwickeln sich fließend und zeigen leicht, spielerisch und farbenfroh ganz neue alte Lebensumstände im selbstgewählten Exil.

Schützenscheiben können ins Schwarze getroffen werden, können für Artenschutz, Arterhaltung oder für das Geschützte stehen. Und für das Ziel Zukunft.

Für mich bedeuten sie die Möglichkeit der Fokussierung auf ein Thema.

Mein Rückzug ins Exil ist die Kleinstadt Schotten im mittelhessischen Vogelsbergkreis. In den Ort, in dem ich meine Jugend verbracht habe, der voller lebendiger Erinnerungen und Träume steckt. Genau hier baue ich meine Existenz ins Ungewisse. Ich folge meinem Instinkt. Die Pandemie durch Covid-19 sehe ich als Chance und Herzenswunsch, neue Wege zu gehen. Als Künstlerin und für die Kunst. Die neuen Schützenscheiben setzen sich neben Skulpturen mit dem Thema „Bewältigung“ auseinander. Sie zeigen die neue Entwicklung wie ein Tagebuch einer Corona-Geflüchteten. Jede Scheibe erzählt eine eigene Geschichte. Alle zusammen zeigen unendlich viele Facetten einer ganzen Geschichte. Am Ende der Serie steht eine Ausstellung meiner Werke in der Festhalle in Schotten nach der Pandemie fest.

Vom Großstadttrubel in die Kleinstadt

Seit vielen Jahren arbeite ich in Frankfurt als freie Künstlerin. Wer ins Exil geht, nimmt sich mit. Sich, und das, was ihm wichtig ist. Ich habe meine Kunst, meine Träume und Stücke meines Modelabels „einfachgestrickt“ mitgenommen. Während der Pandemie habe ich in Schotten einen kleinen Laden eröffnet. Fast auf dem Land. Genau dort, wo kleine Unternehmen starben, Geschäfte für immer schließen mussten. Dort, wo leere Schaufenster dunkle Schatten auf die Gemüter von Menschen werfen. Dort, wo manche Träume geplatzt sind.

Meine Szenen erzählen Geschichten dieser Menschen. Oder von Träumen und Existenzen. Von Glück und Pech. Von Konsum und Verzicht. Vom Leben. Für mich ist hier und jetzt Zeit für einen Neuanfang. Den Neuanfang für tot geglaubte Plätze. Dafür, sie wiederzubeleben. Der Anfang dafür, Neues zu wagen.

Kunst macht Mut. Mein innerer Drang, Dinge herzustellen und sie zu verkaufen, macht Hoffnung und Lust auf Kollagen, Zeichnungen und Malerei. Auf Kunst, die nicht nur einen flüchtigen Eindruck hinterlässt, sondern auch ein Gesamtbild in und aus der Krise zeigt. Wie ein Zielscheiben-Tagebuch auf Schützenscheiben in neuen Lebensbedingungen. Bei Begegnungen, in der Natur, in Zeit und Raum. Es geht um Dinge, die vor Corona unvorstellbar waren. Um Situationen, die heute Alltag sind. Um Schutz und Rücksicht, Abstand und Einsamkeit. Um Masken und Öffnung, Lockdown und Neuanfang. Um Gespür, Empathie und Lebenslust. Mit all dem gestalte ich ein Gesamtbild der Freude. Ein Bild der Freundschaft. Ein Bild der Hoffnung. Ein Bild des Lebens.



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Nadja El-Hagge 6 Projekte
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